Erwin Webers Weihnachtsbrief 1998
 

Haus für arme Studenten
 Universität Tübingen

Ruhe auf der Flucht
Cranach der Ältere, 1504

Bergstrasse bei Glarus
 Zwinglis Vaterland


Im Jahre 1997 hatte Philipp Melanchthon seinen 500. Geburtstag. Er war Reformator, Lehrer Deutschlands, und fast drei Jahrzehnte Luthers engster Freund und Mitarbeiter. Er verfasste mehrere Dokumente für das Konkordienbuch von 1580 unter anderen das Augsburger Bekenntnis von 1530. Obwohl Melanchthons Grab neben Luther in der Schlosskirche zu Wittenberg ist, und sein Denkmal neben das von Luther auf dem Marktplatz von Wittenberg steht, wissen heute die meisten Lutheraner wenig oder fast gar nichts von diesem Gelehrten, der der Vater des deutschen Schulsystems war und den Titel, Praeceptor Germania, d.h. Lehrer Deutschlands verdiente. Daher schrieb ich fünf verschiedene Artikel über Melanchthon für die Zeitschrift The Lutheran Journal. Einige sind schon herausgekommen, andere werden im nächsten Jahr erscheinen. Dazu verfasste ich einen Diasvortrag über Melanchthon. Den habe ich auf eine CD gebracht. Diese CD kann man nur in Archiven finden. Das Bild oben links ist aus dem Leben Melanchthons. Als er 1514 in Tübingen seinen Magister erwarb, wohnte er in der Burse, das erste Gebäude der Universität, das 1477 errichtet wurde. Es gab aber auch arme Studenten. Die wohnten in diesem Hause. Heute ist es immer noch ein Haus für Studenten in Not. 1518 ging Melanchthon nach Wittenberg, wurde Professor im Griechischen und Lateinischen, und Luther's bester Freund. Übrigens, wenn man auf die Bilder drückt, kann man sie vergrössert besser besichtigen.

Im Jahre 1529 trafen sich Melanchthon, Luther und Zwingli auf dem Schloss in Marburg, um ein Religionsgespräch über das Abendmahl zu halten. Luther und Zwingli konnten sich nicht einigen. Daher sagte Luther, Unsere Gegner haben einen anderen Geist. Um Zwingli besser kennenzulernen, ging ich im Januar in die Schweiz, um in den Fusstapfen von Zwingli zu wandern und werde im Frühling 1999 dorthin wieder zurückkehren. Zwingli wurde sieben Wochen nach Luther am 1. Januar 1484 in Wildhaus in der Schweiz geboren. Es war ein Bauerndorf, das in der Nähe des Himmels, hoch in den Alpen lag. Er wurde Reformator der Kirche in Zurich, aber lag im Schatten des grossen Reformators, Martin Luther. Denn Zwingli starb auf dem Schlachtfeld zu Kappel in der Mitte seines Lebens im Alter von 48 Jahren, als er gegen die Armee der Katholiken kämpfte. Aber Zwingli war eine bedeutende Gestalt der Reformation. Er war der Vater der Reformtradition, die sich durch die Schweiz verbreitete, dann durch Süddeutschland, und endlich durch die Presbyterianer, die niederländischen Reformierten, die deutschen Reformierten, kam in die Neue Welt. Ich habe auch diesen Diasvortrag im CD aufgemommen, und wird im Archive aufbewahrt. Das Bild open rechts zeigt eine Bergstrasse bei Glarus in der Schweiz. Zwingli war Priester von Glarus 1506-1516. Er war nicht nur verantwortlich für die Dorfkirche in Glarus, sondern auch drei Kirchen in the Nachbarschaft.

Zur Zeit arbeite ich an einem Diasvortrag von Cranach dem Älteren, der, neben seinem Sohn, Cranach der Jüngere, Maler der Reformation wurde. Dr. Conrad Bergendoff, President emeritus von Augustana College, Rock Island Il, der in diesem Jahr im Alter von 102 starb, sagte mir vor paar Jahren, Manachmal beschreibt der Künstler das Zeitalter, in dem er lebt, besser und genauer als der Historiker. Cranach der Ältere war solcher Künstler. Man sieht in seinen Gemälden die fürchterliche Welt, worin die Menschen leben. Aber es war auch das Zeitalter der Reformation, und Cranach fand in Luther den Leiter, der ihm den Weg in diesem stürmischen Jahrhundert zeigt.

Lucas Cranach, Sohn des Künstlers Hans Maler, wurde 1472 oder elf Jahren vor Luther in Kronach, Bayern geboren. Wahrscheinlich studierte er mit Albrecht Dürer in Nürnberg und ging danach die Donau entlang nach Wien, wo er Anhänger der Donauschule wurde. Diese Schule betonte Landschaft und Nature und alles, was dazu gehört, sei es Steine, Pflanzen, Tiere oder Menschen. Das schönste Beispiel der Donauschule, das von Cranach dem Älteren 1504 gemalt wurde, ist das Bild oben Mitte, Ruhe auf the Flucht nach Ägypten. Hier sieht man kein Oase in der Wüste sonder eine norddeutsche Landschaft mit Birken, Blumen, blauer Himmer und Nadelwald. Es ist ein lebhaftes Bild mit allerlei Tätigkeiten. Die Engel sehen aus wie Kinder in Deutschland, ein Engel holt Wasser, andere pflücken Erdbeeren, spielen Flöte und singen. Ein kleiner Engel bringt Maria ein zappelndes Vögelchen. Herbert von Hinzensterntzern, Lutherforscher und Theologe aus Weima, der auch vor paar Jahren starb, sagte mir, Niemand vor Cranach hat die Heilige Familie so schlicht und schön gemalt, wie Lucas Cranach. Es ist eine wunderbare Darstellung einer Welt, in dem sich der Mensch befindet. Diese CD wird auch im Archiv aufbewahrt werden.

Mit meiner Familie ist alles in Ordnung. Vor paar Wochen heiratete mein jüngster Sohn auf einer Karibischen Insel. Der Empfang der Hochzeitsgäste fand in Davenport, Iowa statt. Es Ort ist etwa zehn Kilometer von mir. Gwen und mir geht es gut, auch gesundheitlich. Im Frühling verbringen wir drei Wochen in Deutschland und in der Schweiz. Ich werde viele Photogeräte mitbringen. Denn ich werde wieder Artikel für die Zeitschrift The Lutheran Journal forschen. Übrigens im August besuchten mich eine Gruppe Studenten, die ich im Sommer 1983 nach Europa führten und in Passau Deutsch studierten. Das hatte mich sehr gefreut. Vor Kurzem bekam ich zufälling eine ganz tolle Überraschung. Ich las in einer Zeitschrift, dass Dr. Dieter Haenicke, ein Lehrer, mit dem ich 1959 in München studierte, President einer Universität im Staate Michigan sei. Er hatte die Tochter meines Professor's, Dr. Carl Colditz an der Wayne State Universität in Detroit geheiratet. Ich wusste, dass Dr. Colditz vor einigen Jahren starb, aber wusste nicht, dass Frau Dr. Colditz noch lebt. Nun habe ich erfahren, dass sie neben Dr. Haenicke wohnt. Das war mir eine grosse Freude und eine schöne Nachricht zur Weihnachtszeit.

Nun wünsche ich Euch alle gesegnete Weihnachtstage und ein gesundes und erfolgreiches Neujahr. Mit freundlichen Grüssen.

Erwin Weber
Dezember 1998